Dr. Peter V. Brinkemper
Im Zeitalter der globalen Medien haben wir im Sinne von Marshall
McLuhan ungeahnte elektronische und digitale Verlängerungen unserer
Sinne und unseres Geistes erhalten. Das Bild ist ohne Zweifel, jenseits
der zweidimensional fixierten Anschaulichkeit, zu einem hochverdichteten,
intelligenten, schnell rotierbaren Datensubjekt geworden, zu einer in
sich verschweißten assoziativen Einheit mit taktilen Qualitäten, einer
ikonischen Synthetik; sie oszilliert zwischen Statik und Dynamik,
Typologie und individuellem Gebrauch, Konstruktion und Dokumentation,
Fiktion und Realität, Rezeption und Interaktion. Dies gilt für alle
visuellen Medien und Kunstformen: ob bildende Kunst oder Fotografie,
Film und Computer; gleichermaßen für die Bearbeitung, Generierung und
Verwendung von Bildern. Eine einfache ikonographische Einheit ist das
Bild längst nicht mehr, weder im rein ästhetischen, noch im angewandten
Sinne. Das Bild ist ein intermedialer Hybrid.
Hertha Miessner versteht sich mit ihren Arbeiten nach wie vor,
konsequent, als Malerin und als experimentelle Erforscherin des Mediums
Malerei; und sie ist dabei, erst Recht in ihren jüngsten Arbeiten, im
intermedialen Raum, im Zwischenraum aller Medien gelandet, wenn sie in
in „Dots", „digitale bildobjekte" und in „Contraposition(en)", „blanche"
und „noir", „digitale malerei auf papier", „digitalen Bildcollagen,
Light Jet High End Fotos" die malerische Farb-, Licht- und Raumwirkung
in ihren Bildwelten auf neuartige Weise untersucht: die reale
Stofflichkeit und die visuelle Textur der Ausgangsobjekte in
fotografischer Präzision, die verknäuelten Verdichtungen der
Materialität in ihren matten und glänzenden Texturen, in ihren diskret
vor sich hindämmernden Lichtstufen und Farbabtönungen und nicht zuletzt
die Gesamtgebilde in ihren schier unendlichen Windungen und Faltungen.
Hertha Miessner „entfaltet" ihr intermediales Spiel im wörtlichen und
metaphorischen Sinne. Die Falte ist der Ort, an dem die Materialität der
Dinge sichtbar in Schwingung gerät, sich in ein Medium verwandelt, mit
den Verästelungen des Mediums verstrickt, von Spannungen verzerrt und
durch die Dynamik bestimmter innerer und äußerer Kräfte und Impulse in
verschiedene Richtungen gebogen, zerteilt oder wieder zusammengeführt
wird. In der Art und Weise der Faltung kommt der Grad der Elastizität
oder Zerbrechlichkeit des Materials und des Mediums zum Ausdruck. Im
Zustand der Windungen und Wellen, Kurven und Brüche wird die Materie
haptisch, sie fließt in bestimmten Kräuselungen leise und kühl wie Seide
dahin, oder sie knickt laut ab wie Holz, Pappe, reißt ein wie Stoff und
Papier, zerbröselt Farbe und zerfällt in Staub. Die von Hertha Miessner
farblich bearbeiteten Klebe- und Papierstreifen, ihre sensibel
eingescannten, digital nachbearbeiteten und großformatig ausgedruckten
Ansichten präsentieren die Schleifen eines unendlichen Raums der
Malerei. Nicht nur das klassische Bild mit eindeutig definiertem Objekt
und seiner eindeutigen Raum-bezogenen Darstellung wird verabschiedet.
Auch die Malerei als ein Medium mit einem einfachen und einseitigen
Träger aus Papier oder Leinwand, der mit Pinsel und Farben in
Schichtungen, unumkehrbar so behandelt wird, dass eine bestimmte
Bildwirkung entsteht, wird hintergangen. Die Faltungen von
„Contraposition noir" sind auch als Umbrüche, Entschichtungen,
Decollagen und Dekompositionen des einheitlichen Mediums und eines
homogenen Farbuntergrundes zu verstehen. Auf Hertha Miessners
Bildcollagen erscheint die Verflechtung aus Materialität, irregulären
Formen, Farben und Lichtwerten als ein offen gebündelter Strauss von
Qualitäten, als ein Querschnitt durch jene Energieströme, die gewöhnlich
im Bilduntergrund des Systems Malerei, Träger und Farbe schlummern.
Die altmeisterliche barocke Wirkung der Bilder Hertha Miessner ergibt
sich gerade in „Contraposition noir" auch in der Einlassung der Motive
in die Dunkelheit: Wenn man so will, schließt sie in ihren Arbeiten die
Seele der Malerei auf. Diese hat nach der Lehre des Philosophen Leibniz
die Struktur einer fensterlosen, fast völlig verdunkelten Monade, die
nur geringe, minimale Wahrnehmungen, petites perceptions, aus der Welt
der Sinne und der Materialität zulässt. Dazu heißt es bezeichnenderweise
bei Gilles Deleuze:„Wenn wir erfahren, dass die Seelen keine Fenster
nach draußen haben können, muß man das, wenigstens zuerst, von den
vernünftigen Seelen oben verstehen, den auf die andere (geistige) Etage
gestiegenen Seelen (Erhöhung). Die obere Etage ist es, die keine Fenster
hat: dunkles Zimmer oder dunkle Kammer, ausgestattet einzig mit einer
gespannten, „von Falten untergliederten" Leinwand, wie eine lebendige
Haut. Diese auf der undurchsichtigen Leinwand gebildeten Falten, Stränge
und Spannkräfte, repräsentieren eingeborene Erkenntnisse, werden aktiv
aber durch die Ziehungen der Materie. Denn diese löst die „Schwingungen
oder Oszillationen" am unteren Ende der Stränge aus, vermittels „einiger
kleiner Öffnungen", die auf der unteren Etage sehr wohl existieren.
Leibniz führt eine große barocke Montage durch zwischen der unteren,
durch Fenster unterbrochenen Etage und der oberen Etage, die blind und
verschlossen, aber mit Widerhall ausgestattet ist wie ein Musiksalon,
der die unten sichtbaren Bewegungen in Töne übersetzt." (Deleuze, Die
Falte, Fankfurt/M. 2000, S.12)
In Hertha Miessners Werk gibt es eine faszinierende, stellenweise
fließende, oder auch sprunghafte dynamische Art der Bildwahrnehmung, als
ständige Umformung und Neubelichtung der Konstellationen, die sich
zwischen den Parametern der irregulär verspannten und gewellten Träger-
und Gegenstands-Formen, ihrer Farben und Materialitäten anbieten: eine
musikalische Apperzeption von Bildfragmenten als visueller Funken und
immanent glühender Elemente, die sich in raumzeitlichen Rhythmen immer
wieder anders gruppieren. Hertha Miessner fordert den Betrachter zur
ständigen Überprüfung der visuellen Kohärenz eines überdehnten und
verdrehten Bildraums heraus: „Bei einer bestimmten Geschwindigkeit des
Schiffes wird die Welle ebenso hart wie eine Mauer aus Marmor. (...) ein
flexibler oder elastischer Körper hat noch kohärente Teile, die eine
Falte bilden, so dass sie sich nicht in Teile von Teilen trennen,
sondern sich vielmehr ins Unendliche in immer kleinere Falten
unterteilen, welche immer noch eine gewisse Kohäsion bewahren. So ist
das Labyrinth des Kontinuums keine Linie, die sich in unabhängige Punkte
auflöste, wie der fließende Sand in Körner, sondern etwas wie ein Stoff
oder ein Papierblatt, das sich ins Unendliche in Falten unterteilt oder
sich in Kurvenbewegungen auflöst, von denen jede durch die konsistente
oder richtungsgleiche Umgebung bestimmt ist" (Deleuze, a.a.O., S. 15).
In den Faltungen des Ausgangsmaterials zu großformatigen digitalen
Collagen hat Hertha Miessner eine Inszenierungsfigur einer reflexiven
Malerei entwickelt, die die beeindruckende Paradoxie von Irregularität
und Kohärenz, Materialität und imaginärer Spannkraft dieses Mediums in
allen seinen Schichten beschreibt.